Ein 3D Flug ueber die Ansicht von Delft, 1660

Johannes Vermeers Meisterwerk aus 1660 als virtuelle Welt

 

Pre-flight Instructions.

Neu in 2002: Wir bauen eine QT Film New in February 2002:

Animated flight in a very small gif movie.

 

 

 

In 1998 wurde mit Hilfe von fortschrittlichen Computerprogrammen eine 3D (=dreidimensionale, räumliche) Wiedergabe der holländischen Stadt hergestellt, wie sie im Jahre 1660 aussah. Um das zu erreichen wurden vier unterschiedliche Schritte unternommen.

Als erster Schritt wurde ein historischer Stadtplan von Delft auf einen Flachbett-Scanner gelegt und als "Foto" in einen Computer eingegeben. Der von uns gewählte historische Stadtplan (der also auf den Scanner gelegt wurde), wurde am Ende des 17. Jahrhunderts von Frederik de Witt gemacht, der sich dabei auf Karten von Joan Blaeu aus 1649 und von Johannes Janssonius aus 1657 basierte.

 

 

 

Danach wurde als zweiter Schritt diese Abbildung - die jetzt als flaches Foto auf dem Bildschirm sichtbar war- genauestens Linie für Linie, Haus für Haus mit der Maus und dem Cursor überzogen und als ein Ganzes von Punkten und Linien in ein GIS (Geographisches Informationssystem) übertragen. Jeder digitale Punkt stellt die Begrenzung einer Stelle dar. Zwischen einer Anzahl der untereinander zusammenhängenden Punkte werden darauf Verbindungslinien gezogen, sodaß eine Anzahl zusammengehörige Punkte und Linien zusammen ein Polygon (Vieleck) bildet. Jedes Polygon symbolisiert einen Gegenstand (Haus, Straße, Kanal, Brücke, Wiese, Bäume, usw.).

Der Grundriß eines einfachen, viereckigen Hauses ist zum Beispiel mit vier Punkten und vier Linien als einfaches Rechteck definiert, an das man darauf den Kode 'Haus' verbindet (in der Fachsprache der GIS-Spezialisten heißt es da: "Das Polygon erhält eine Objekt-Identität"). Das GIS ist also eigentlich eine avancierte Art von geographischer 2D-Karte, die aus Punkten, Linien und Vektoren aufgebaut ist, die zusammen Vielecke bilden, die jede mit einem Bedeutungskode versehen sind. Sogar mehrere elektronische Schichten sind in GIS möglich. Wenn man zum Beispiel eine Brücke definieren will, so bekommt diese sowohl den Kode 'Straße' als den Kode 'Wasser', denn Land und Wasser gehen da ungehindert hindurch.

 

Wenn diese arbeitsintensive Arbeit erledigt ist, wird es Zeit für den dritten Schritt. Die Gegenstände mit dem Kode 'Haus' erhalten per Knopfdruck alle eine bestimmte Höhe. Diese Höhe ist für jeden Gegenstand festgelegt worden. Das Ergebnis ist eine Karte mit Häuserblocks, jeder mit einer kennzeichnenden Höhe. Von einiger Entfernung und seitlich betrachtet hat dies schon eine lebensechte Wirkung, obwohl die Blockform gut sichtbar bleibt.

GIS-Spezialisten nennen diese Pseudo-Wiedergabe 2,5D. Der Stadtplan, der eigentlich noch 2D (flach) ist, hat hier schon den Anfang einer Modellform erhalten.

Der vierte Schritt markiert die Geburt der wirklichen 3D. Mit Hilfe eines 3D-CAD (Computer Aided Design)-Programms können die einzelnen Gegenstände durch 3D-CAD-Modelle ersetzt werden. CAD sorgt dafür, daß jeder Gegenstand vollkommen räumlich gezeigt werden kann, wie kompliziert auch immer seine Form sei. In Delft wurde dies mit 'Karma' gemacht, einem mit von den Subfakultäten Geodäsie und Informatik der Universität Delft entwickelten kräftigen Softwareprogramm.

 

An diese am Ende erreichte 3D-Form kann man kleine Fotofragmente von Mauern, Dachziegeln und andern Materialien kleben. Wo immer das möglich war, wurde in diesem Projekt historisches Bildmaterial gewählt, um die richtige Textur und Farben möglichst getreu zu erreichen.

Danach kann man durch weitere Computerberechnungen nicht nur eine Ober-, sondern auch eine Seitenansicht wählen. Zum ersten Mal in der Geschichte kann man auf diese Weise auf einem Computerbildschirm in der Vogelperspektive (world view) über das Delft vom Jahre 1660 'fliegen'. Diese ganze arbeitsintensive digitale Arbeit wurde im Oktober und November 1998 von der Subfakultät Geodäsie der Technischen Universität Delft erledigt. Man wollte zum Anlaß der Feier von '50 Jahre Geodäsie' etwas Besonderes machen und der Außenwelt zeigen, wozu moderne GIS-Technologie imstande ist.

3D Modelle wurden gemacht von Mitarbeiter der Firma Cross Worlds, Den Haag.

 

Die Subfakultät Geodäsie suchte - im Zusammenhang mit dieser fünfzigjährlichen Jubiläumsfeier - deshalb Anfang 1998 nach einem angemessenen Projekt, das ein gutes Bild der Möglichkeiten der Geodäsie vermitteln konnte. In den Sommermonaten von 1998 führte ein Kontakt mit der Technischen Universität Delft aber schon bald dazu, daß das Projekt entfaltet und das Thema 'Ansicht von Delft' gewählt wurde. Danach wurde -im Hinblick auf die beschränkte Stundenzahl, die man bei der Subfakultät Geodäsie investieren konnte- mit einem kleinen Team in Rekordzeit eine 3D-Welt gebaut. Diese schnelle Produktion verdankte man auch dem Bildarchiv, das ich ab 1970 angelegt habe. Dieses Archiv enthält eine so komplett wie mögliche Dokumentarsammlung von Stadtansichten, Profilen (Seitenansichten von Städten) und Karten (Stadtplänen). Diese Sammlung is mittlerweile der Bibliothek des Museums Mauritshuis in Den Haag geschenkt.

 

 

Stadtansichten

Links: bei Blickpunkt Vermeer.

Diese Sammlung von Stadtansichten, die ich aus Archiven angelegt habe, konnte so groß und letztendlich eine so überraschende Menge detaillierter Auskünfte enthalten wegen der Vorliebe der Holländer für die Darstellung von Stadtansichten. Diese Spezialisierung fing an sich im 17. Jahrhundert (dem Jahrhundert von Vermeer und Rembrandt) zu entwickeln, und kam im 18. Jahrhundert zur vollen Blüte. Holländische Bürger verfügten schon im 17. Jahrhundert über Stadtpläne von hervorragender Qualität (siehe Abb. 1 und 4). Sie sahen auch die einzigartige Qualität und Schönheit, die aus der Architektur der Bürger in der Republik der Vereinten Niederlande hervorging. Nirgendwo anders in Europa sah man so wohlhabende Städte, die derart organisch und geordnet gewachsen waren, mit Giebeln aus rotem Backstein. In den Seitenstraßen standen die einfachen Wohnungen. Herrschaftliche Häuser wurden oft an Plätzen und Stadtkanälen gebaut. Das Kapital das dafür benötigt war, wurde mit dem Handel verdient. Holländische Städte funktionierten als der Stapelmarkt ('Supermarkt Europas') für viele fremdländische Erzeugnisse aus Europa und andern Weltteilen: Holz und Getreide aus den Ostseehäfen, Wein und Wolle aus Frankreich und England und zahllose andere Produkte von Übersee. Ungeheuere Gewinne machte man vor allem mit Spezereien aus Niederländisch-Ostindien, das jetzt Indonesien heißt. Es war auch die Rede von Gewinnen aus dem Sklavenhandel zwischen Afrika und Amerika, eine schwarze Seite aus unserer Geschichte.

 

Das alte Zentrum, blick ostlich, nach Alte Kirche (links) und Markt (mitte).


 

Dieser Handel, der soviel Reichtum hervorbrachte, erreichte seinen Gipfel in dem holländischen 'Goldenen Zeitalter', so etwa zwischen 1580 und 1670. Wohlhabende Bürger, aber auch einfache Handwerksleute wollten passende Verzierungen im Haus haben. Reiche Bürger bestellten große topographische Karten und hängten sie an ihre Wände, wie wir sie so oft bei Vermeer dargestellt sehen. Oder sie schafften sich Stadtansichten in Ölfarbe, zum Beispiel beim erfolgreichen Kunstmaler Van der Heijden in Amsterdam oder aber bei einem der Kunstmaler aus der eigenen Stadt an. Handwerksleute erwarben für sich vielleicht eher eine Stadtansicht als Stich oder Aquarell. Künstler entwickelten schon bald eine eigene Spezialisierung und fingen an für den Markt zu arbeiten. Im 18. Jahrhundert gab es in Holland eine Anzahl Künstler die aus der Herstellung von Stadtansichten in Stich und Zeichnung ihren eigenen Unterhalt bestreiten konnten, wie Cornelis Pronk, Abraham Rademaker und andere.

 

Vermeer und Delft: weitere Entwicklung in 3D

 

Blickpunkt auf etwa 4 Meter Höhe.

 

Wegen des beschränkten Arbeits- und Zeitaufwands (die Monate September und Oktober 1998) konnte man in der Subfakultät Geodäsie in Delft und bei 'Cross Worlds' nur beschränkt 3D- Modelle bauen. Ich möchte aber ab 1998 dieses Projekt weiter ausbauen. Um in der Zukunft eine wirklich atemberaubende Wirkung zu erzielen werden EDV- Fachleute des Fachbereichs Industrielles Entwerfen der Technischen Universität Delft an einer 3D- Ausführung von Einzelheiten weiterarbeiten, wie das Wasser, die Schiffe und die Klappbrücke, die Wolken und andere bewegende Einzelheiten.

 

 

Osttor. Das Tor mit seiner 2 Türme ist hier noch nicht modelliert worden.


 

Die genaue Wiedergabe der Schiffe wird übrigens wegen der gekrümmten Form des Schiffskörpers sehr lästig sein. Über diese Schiffe wurde inzwischen aber schon viel Material gesammelt. Mit Hilfe von Baubeschreibungen, Bauzeichnungen und Linienplänen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, die die exakte Krümmung des Schiffsrumpfs angeben, scheint es jetzt doch wohl möglich, korrekte 3D- Schiffsmodelle zu erstellen. Das gilt für jeden der vier oder fünf verschiedenen Schiffstypen auf Vermeers Gemälde, von der Treckschüte links vorne bis zu den zwei Büsen (Heringschiffe) ganz rechts. Auch das wäre - laut des Schiffahrtsmuseums in Amsterdam - eine Weltpremiere. Schließlich haben wir die Absicht, zu einer Präsentation in einem Dokumentarfilm, Fernsehprogramm und einem CD-ROM zu kommen.

Was die Stadtpläne von Delft aus dem 17. Jahrhundert anbelangt, sei übrigens erwähnt, daß die Karten von Blaeu und De Witt - und auch die weitaus detailliertere 'Kaart Figuratief (Karte Figurativ) - in Wirklichkeit Abstraktionen sind, das heißt: Vereinfachungen der Wirklichkeit. Innerhalb eines bestimmtem Abschnitts einer Straße bzw. eines Kanals ist die Anzahl der Häuser, die von Ecke bis Ecke, von Seitenstraße bis zur nächsten Seitenstraße eingezeichnet wurde, immer geringer als die wirkliche Anzahl. Die Hauptformen der Häuserblocks sind aber vertretbar bis gut wiedergegeben. Im Rahmen dieses Projekts wurden aber keine Versuche gemacht die Karten aus dem 17. Jahrhundert zu ergänzen oder zu korrigieren- mit Ausnahme eines Gebäudes. Es handelt sich um das Gebäude mit sehr langem Dach, links auf Vermeers Gemälde: die Bierbrauerei 'De Papegaeij' mit dem von Vermeer gemalten kleinen Turm (siehe Rahmen Nr. 5). Im 20. Jahrhundert wurde dieser kleine Turm übrigens als Salut an Vermeer wiederaufgebaut. Weil De Witts Karte an der Stelle der großen Bierbrauerei ein einfaches Häuschen vorzeigt, Vermeer aber ein großes Dach malt, konnte das kleine Häuschen nicht aufrechterhalten werden. Gewählt wurde die Architektur, wie sie auf der sehr detaillierten 'Kaart Figuratief' aus 1678 zu finden ist.

 

 


 

 

email kalden@xs4all.nl

Kees Kaldenbach, kunsthistoriker.

 

NEU - Online 27 Juni 2001

Einen dreidimensionaler Spaziergang durch Zeichnungen - Suedliche Vermeer-Tore in Delft  

Eine Spatziergang durch Zeichnungen.

 

 


 

Danke

Mein Dank gilt der Technischen Universität Delft, namentlich Dipl.-Ing. Edward Verbree, Fachbereich Geo-Information, Subfakultät der Geodäsie, den Studenten und GIS- Spezialisten Rik Germs, Gert van Maren, Merlijn Simonse, Axel Smits und last, but not least der Projektleiterin Ingrid Alkemade.

Bei Crosswords bv, Den Haag, dem Praktikumplatz der Ingrid Alkemade, arbeiteten Martin van den Berg, Patrick Hogenboom und Vincent Robbesom für die letzte Phase, die Anfertigung und elektronische Ankleidung der CAD- Modelle.

Besonderer Dank gilt auch Prof. Dr. Dipl.-Ing. Erik Jansen, Fachbereich Technische Mathematik und Informatik, und dem Chef der Abteilung Geoinformation/ Verwaltung und Umwelt der Gemeinden Delft, T.C.J. Balt. Beide haben mich 1998 auf die richtige Spur gebracht. Letztendlich danke ich Jos Kaldenbach für die deutsche Übersetzung dieses Textes.

 


 

Abbildungen und text: copyright drs. Kees Kaldenbach, Amsterdam.

 

 

 

 





 

Update 14 April 2002